Ida Rolf / Mother of Fascia

1896 – 1979

Ida Rolf: eine Biografie

Sie hatte in Biochemie an der Columbia University promoviert und ein Jahrzehnt als Forscherin am Rockefeller Institute gearbeitet. Dann ging sie, um einer Frage nachzugehen, für die ihr eigenes Fach kein Instrumentarium hatte.

Die meisten Darstellungen führen Ida Pauline Rolf als Begründerin der Strukturellen Integration ein — jener Arbeit, die der Öffentlichkeit als „rolfing“ bekannt ist. Zutreffend genug, und es sagt fast nichts. Es stellt sie in die Geschichte der alternativen Therapie, wobei eine interessante Tatsache, die ihren Ausgangspunkt betrifft, vergessen wird: sie hatte ursprünglich eine Position im Zentrum der institutionellen Wissenschaft, beschloss aber eines Tages ihren eigenen Weg zu gehen.

Diese Entscheidung ist die grosse Weichenstellung ihres Berufslebens, und sie erklärt auch, weshalb die Frage, an der sie vierzig Jahre arbeitete, so lange auf ernsthafte Beachtung wartete.

Zuerst Wissenschaftlerin

Rolf schloss das Barnard College 1916 mit einem Abschluss in Chemie, akademischer Auszeichnung und Aufnahme in Phi Beta Kappa ab. Sie ging weiter zum Doktoratsstudium am College of Physicians and Surgeons der Columbia University und erhielt 1920 den Doktortitel in Biochemie. Ihr Betreuer war Phoebus Levene, dessen Arbeiten zur Chemie der Nukleinsäuren ihn zu einem der bedeutenden Biochemiker der Zeit machten. Ihre eigene Doktorarbeit betraf die Chemie der Phosphatide.

Etwa ein Jahrzehnt arbeitete sie als Forscherin am Rockefeller Institute for Medical Research in New York, zunächst in der Abteilung für Chemotherapie, später in der organischen Chemie. In diesen Jahren veröffentlichte sie sechzehn wissenschaftliche Arbeiten, überwiegend zur Biochemie der Phospholipide, viele davon gemeinsam mit Levene.

Es lohnt sich, bei dem zu verweilen, was das bedeutet. Eine Frau mit einem Doktorgrad in Biochemie im Jahr 1920 am führenden medizinischen Forschungsinstitut der Vereinigten Staaten, die unter einer der leitenden Figuren des Fachs regelmässig veröffentlichte, war nach jedem Massstab jener Zeit eine ungewöhnliche Person und hatte eine brillante Karriere vor sich.

1926 nahm sie ein Forschungsjahr in Europa. Sie studierte Mathematik und Atomphysik in Zürich bei Peter Debye und Erwin Schrödinger — beide später Nobelpreisträger — an der ETH Zürich und der Universität Zürich sowie Biochemie am Institut Pasteur in Paris. An den Wochenenden in der Schweiz fuhr sie regelmässig nach Genf, wo sie sich in die „Materia Medica“ der homöopathischen Medizin vertiefte.

Ihre Fragestellung war keine, die die Biochemie 1930 beantworten konnte. Was organisiert den menschlichen Körper in der Schwerkraft, und wie könnte man sich eine optimalere Organisation vorstellen, bei der der Körper am wenigsten Anstrengung braucht, um sich aufrecht zu halten?

Eigene Wege

In den 1930er-Jahren arbeitete Rolf weitgehend ausserhalb der Institutionen, die sie ausgebildet hatten. Sie studierte Osteopathie, Chiropraktik und Yoga und verbrachte Zeit in Pierre Bernards Yoga-Gemeinschaft in Nyack, New York, was sich als dauerhafter Einfluss erwies. Sie las und arbeitete quer durch viele Fachgebiete, die scheinbar wenig miteinander zu tun hatten, und suchte eine Darstellung von Struktur, die die damalige Anatomie nicht bot.

Ihre Antwort, über dieses Jahrzehnt und das folgende entwickelt, kreiste um die Faszien: das Bindegewebe, das jede Struktur im Körper umhüllt und verbindet. Faszien waren natürlich bekannt, aber in ihrer Wichtigkeit massiv unterschätzt. Rolf entwarf die Hypothese, dass dieses Gewebe, das von der Medizin als „Verpackungsmaterial“ behandelt wurde — bei der Sektion weggeschnitten, damit der Muskel darunter zu sehen war —, strukturell entscheidend, im ganzen Körper zusammenhängend und veränderbar sei.

Weshalb das ein Jahrhundert unbemerkt blieb, ist eine eigene Frage und eine merkwürdigere, als sie zunächst erscheint.

In den 1940er-Jahren arbeitete sie von ihrer Wohnung in Manhattan aus mit Menschen mit chronischen Schmerzen und setzte manuelle Techniken ein, die auf strukturelles Gleichgewicht und Streckung von Gewebe abzielten. Sie betrieb im Grunde ein Forschungsprogramm, mit einer Klientel anstelle eines Labors.

Die mittleren Jahre

Ende der 1950er-Jahre kam Rolf mit der Subud-Gemeinschaft in Coombe Springs in England in Berührung, geleitet von John Godolphin Bennett. Dort begegnete sie Moshe Feldenkrais, der seinen eigenen Zugang zu Bewegung entwickelt hatte. Zwischen beiden entstand eine tiefe Kameradschaft und freundschaftliche Rivalität — zwei Menschen, die von verschiedenen Seiten zu ähnlichen Fragestellungen gekommen waren.

Ihre geistige Welt reichte zu diesem Zeitpunkt ausserordentlich weit. Debye und Schrödinger stehen in derselben Biografie wie Alfred Korzybski, Gaston Bachelard, Wilhelm Reich, Fritz Perls und die yogische Überlieferung, der sie in Nyack begegnet war. Einem wissenschaftlich geprägten Leser erscheint diese Weite als Warnung. Für Rolf war sie offenbar einfach das, was das Problem verlangte, weil kein einzelnes Fachgebiet daran arbeitete.

Esalen und der Name

1967 begann Rolf, auf Einladung des Gestalttherapie-Begründers Fritz Perls, am Esalen Institute in Kalifornien zu unterrichten, damals einem Zentrum der Human-Potential-Bewegung. Ihre Arbeit fand schnell Publikum, und sie begann, Therapeuten auszubilden.

Diese Zeit definierte das Bild, das die Öffentlichkeit von ihr behielt. In Esalen gründete sie, schon über 70 Jahre alt, ein Ausbildungsprogramm. Es stellte ihren Ansatz gleichzeitig in eine gegenkulturelle Bewegung, was zu einem grossen Teil erklärt, weshalb das medizinische Establishment keinen Grund sah, sich mit den zugrunde liegenden Annahmen zu befassen.

Sie nannte die Arbeit Strukturelle Integration. Fast alle anderen nannten sie „rolfing“.

1977 veröffentlichte sie Rolfing®: The Integration of Human Structures und führte darin ihre Forschung und klinische Erfahrung zusammen. Sie starb am 19. März 1979 in Bryn Mawr, Pennsylvania, im Alter von 82 Jahren.

Danach

Faszien sind heute ein bedeutendes Feld der biomedizinischen Forschung, mit eigenen Forschungsgruppen, internationalen Konferenzen und einer wachsenden Literatur. In den Darstellungen, die es über die Geburtsstunden der Faszienforschung gibt, fehlt Rolf weitgehend.

Die Aussage, die über sie zu treffen lohnt, ist eng und belegbar: Sie erkannte die Faszien als mechanisch anpassungsfähiges, strukturell zusammenhängendes Gewebe und baute um diesen Satz eine systematische Praxis, Jahrzehnte bevor es Instrumente zu seiner Prüfung gab. Ob bestimmte manuelle Therapien bestimmte klinische Wirkungen erzielen, ist eine eigene, weiterhin strittige Frage, die über ihre Biografie hinausgeht.

Was ihre Biografie belegt, ist dies: Die Person, die die Frage zuerst ernst nahm, war eine ausgebildete Biochemikerin, die aus Beobachtung, Schlussfolgerung und Berührung arbeitete, ohne jedes Werkzeug, das ihr hätte zeigen können, ob sie recht hatte.

Chronologie

1896

Geboren am 19. Mai in der Bronx, New York City, als einziges Kind. Ihr Vater baute Piers und Brücken, ihre Mutter war Lehrerin.

1916

Schliesst das Barnard College mit einem Abschluss in Chemie ab, ist in Studierendenorganisationen aktiv und erhält eine akademische Auszeichnung sowie die Aufnahme in Phi Beta Kappa.

1917 – 1920

Doktoratsstudium am College of Physicians and Surgeons der Columbia University. 1920 Doktorgrad in Biochemie bei Phoebus Aaron Theodore Levene. Ihre Forschung betrifft die Chemie der Phosphatide.

1917 – 1927

Forscherin am Rockefeller Institute for Medical Research, zunächst in der Chemotherapie, später in der organischen Chemie. Veröffentlicht sechzehn wissenschaftliche Arbeiten, überwiegend zur Biochemie der Phospholipide, häufig mit Levene.

1926

Forschungsjahr in Europa. Mathematik und Atomphysik bei Peter Debye und Erwin Schrödinger an der ETH Zürich und der Universität Zürich; Biochemie am Institut Pasteur in Paris. Fährt an den Wochenenden nach Genf und vertieft sich dort in die „Materia Medica“ der homöopathischen Medizin.

1930er-Jahre

Kehrt in die Vereinigten Staaten zurück. Verbringt ein Jahrzehnt mit Osteopathie, Chiropraktik und Yoga. Pierre Bernards Yoga-Gemeinschaft in Nyack, New York, ist ein wesentlicher Einfluss. Beginnt, den Zugang zu entwickeln, aus dem die Strukturelle Integration wird.

1940er-Jahre

Praktiziert von ihrer Wohnung in Manhattan aus und arbeitet mit chronischen Schmerzen und Funktionsstörungen durch manuelle Techniken, die auf strukturelles Gleichgewicht und Längung zielen.

Ende der 1950er-Jahre

In Berührung mit der Subud-Gemeinschaft in Coombe Springs in England, geleitet von John Godolphin Bennett, wo sie Moshe Feldenkrais begegnet. Zwischen beiden entstehen eine tiefe Freundschaft und eine lebhafte Rivalität.

1967

Beginnt auf Einladung von Fritz Perls am Esalen Institute in Kalifornien zu unterrichten. Ihre Arbeit erhält schnell Aufmerksamkeit, und sie beginnt Therapeuten auszubilden.

1977

Veröffentlicht Rolfing®: The Integration of Human Structures.

1979

Stirbt am 19. März in Bryn Mawr, Pennsylvania, im Alter von 82 Jahren.

Quellen

Diese Darstellung stützt sich auf zwei Jahre Archivrecherche für den Dokumentarfilm Ida Rolf – Mother of Fascia: Korrespondenz, Kursmitschriften, originale Interviewaufnahmen und Belege ihrer Lektüre. Aus der Zeit vor ihrem etwa siebzigsten Lebensjahr existiert kein Filmmaterial von Rolf, ihr früheres Leben ist daher aus Dokumenten rekonstruiert und nicht aus Aufnahmen.

Wo Darstellungen in Einzelheiten voneinander abweichen, folgen wir den Unterlagen, die uns vorliegen. Korrekturen und Ergänzungen nehmen wir gern an unter info@motheroffascia.com.

Film ansehen

Ein 98-minütiger Dokumentarfilm, ganz in Ida Rolfs eigenen Worten erzählt, aus ihren aufgezeichneten Interviews und Kursmitschriften. Untertitel in neun Sprachen auf Vimeo.

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